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  thema: Kurator der Biennale / Teil2  
     
  Berlin, 15.05.2007 von Gerhard Ullmann  
 

 
  Sie haben das Wort Transavantgarde erfunden, nicht nur, um den Stil bestimmter Maler zu bezeichnen, son­dern auch um ein bestimmtes Lebensgefühl zu benen­nen. Ist dieses Lebensgefühl mehr als ein vorüberge­hender Zustand?
 
     
  Mit dem Konzept der Transavantgarde habe ich eine Bresche geschlagen und die Gegenwartskunst aus Zwängen befreit. Das waren Zwänge, in die sie durch die Arte Povera und die Konzeptkunst gepreßt wurde, die die Kunst durch ideologische politische Überbauten und den damit zusammenhängenden Mythos der Avantgarde unterdrückt haben. Transavantgarde bedeutet das Ende des Zwangs zur Avantgarde und befreit den Künstler von der Verpflichtung, seine Kunst durch eine ideologische Haltung zu rechtfertigen oder durch technische Innovation. Ich habe der Kunst die Lust am Tun wiedergegeben: Lust am Zitat, Erotik des Materials, der Farbe, der Geste. Ich habe die Transavantgarde auch als intellektuelles Kaugummi bezeichnet, etwas, das sich anpaßt und den Gegebenheiten entsprechend dehnt und zusammenzieht.  
     
  Haben Sie jemals einen Künstler zerstört?  
     
  Ich bin Schöpfer von Theorien und kann deshalb nur Theorien zerstören. Ich kann weder Künstler schaffen noch sie zerstören, denn wenn ein Künstler existiert, kann er nicht zerstört werden. Das widerspräche der Wirklichkeit und ist deshalb unehrenhaft. Wenn ein Künstler nicht existiert, kümmere ich mich nicht um ihn.
Themenlink: Charles Ray
 
     
  Sie sind der Achille Bonito Oliva der Kritik, aber vielleicht gibt es trotzdem Vorbilder für Sie?  
     
  Duchamp hat sicherlich etwas zu dem Mosaik beigetragen, das heute meine Person und Stellung ausmacht. Er ist ein Element meiner Strategie der Kunstkritik. Daneben habe ich auch den heiligen Ignatius von Loyola als Bezugsperson. Der heilige Ignatius hat mit seinen Regeln Wege zur Erlangung der Heiligkeit vorgezeichnet. Der Kritiker zeichnet mit Hilfe der Theorie Linien um den Künstler herum, um ihn aus dem Alltag in die heilige Kunstgeschichte zu versetzen.  
     
  Kann man Achille Bonito Oliva nachahmen?  
     
  Ich glaube mit Buffon, daß jeder Mensch ein Stil ist. Das heißt, daß jeder Mensch besonders im kulturellen Bereich Träger einer stilistischen Differenz ist. Man kann das nicht nachahmen. siehe unter Forum für Kunst und Kultur Joseph Beuys u.A.
Ich habe nie geduldet, daß es eine Kritikerschule um mich herum gibt. Man kann Kritik auch nicht lehren. Denn sie ist an historische Situationen und Notwendigkeiten gebunden, die nicht wiederkehren.
Wichtge Künstler hierzu: Edward Ruscha

 
     
  Wie schreibt sich der Kritiker in die Kunstgeschichte ein ? Hinterläßt er etwas Bleibendes ?  
     
  Mir bleibt der Ausstellungskatalog. Der Katalog ist der Ausstellungsraum des Kritikers. Es ist sein Feld, sein hortus conclusus. Dort ist er Botaniker, Gärtner, Ernährer und auch Händler. Man kann ihn jedoch nicht mit einem literarischen Meisterwerk vergleichen, das in die Geschichte eingeht. Schon deshalb nicht, weil es beim Kata­log nicht um den Kritiker geht, sondern um die Künstler, also die Pflanzen, die der Kritiker in diesem hortus conclusus pflegt. Der Katalog ist der Moment der totalen Fruchtbarkeit des Kritikers. Er kann, wenn er gut ist,
Energie besitzen, kulturelle Würde und Autonomie, alles Frucht der kritischen Ausarbeitung. Der Katalog ist eine Wendung der Wörter hin zu den Bildern und umgekehrt.
 
     
  Ihre optimistische Vitalität im Umgang mit der Kunst überrascht. Wird sie genährt durch Entwicklungen der Gegenwartskunst ?  
     
  Optimist bin ich, weil ich ein Manierist bin, ein Intellek­tueller in einer Krisenzeit. Das hat mir viele Anfeindungen beschert, schon 1970 als ich die italienische Öffenüichkeit erstmals mit dem negativen Denken von Nietzsche und Schopenhauer in meiner Ausstellung "Die Kraft des Negativen" vertraut gemacht habe. Mit Nietzsche glaube ich an die Vitalität, die aus der Krise und der Verneinung entstammt. Das trifft überein mit meiner Auffassung von der Kunst. Die Kunst braucht die Krise. Sie lebt in der Krise auf. Heute im Zeitalter des finis Russiae werden alle Grundsätze aufgebrochen, lange Verdrängtes und Unbe­wußtes kommt zum Vorschein. Dieselbe Situation wie am Beginn dieses Jahrhunderts, der Zeit des finis Austriae, das war eine Zeit, die Denker wie Freud, Musil und die Wiener Sezession hervorgebracht hat. Die Kunst ist eine Spezialistin für diese Situationen, eben das Zerbrechen und Zerreißen von herkömmlichen Ordnungen und Sprachen. Deshalb in ich Optimist.  
     
  Welche Ziele können Sie noch verfolgen, nachdem Sie von sich sagen, daß Sie der Achillo Bonito Oliva der Kritik sind? Müßten Sie nicht sterben?  
     
  Was soll ich darauf antworten? Es gibt viele große Intel­lektuelle, die im hohen Alter gestorben sind: Picasso, Goethe, De Chirico beispielsweise. Es gibt nicht mehr den Zwang der romantischen Vision des Genies, das sein Leben früh unterbrechen muß. Mozart hätte bei guter Versorgung überleben können, auch wenn damit nicht gesagt ist, daß er weitere Meisterwerke produziert hätte. Aber mein Leben steht nicht im Dienst der Kunst. Mein Leben steht im Dienst meiner selbst als eines Intellektuellen einer bestimmten Kultur. Man muß nicht dieser angel­sächsischen Mentalität folgen, derzufolge die Identität eines Subjekts gebunden ist an sein Niveau origineller Produktion. Das ist eine spätavantgardistische Idee, eine rein ökonomische. Ich glaube, daß es Vollkommenheit nicht gibt. Manches wird erst in der Perspektive eines langen Lebens deutlich, wenn beispielsweise bei dem späten De Chirico das Selbstzitat kultiviert wird. Das ist eine historische Leistung, mit der er die Transavantgarde vorweggenommen hat, verstanden als Wiederaufnahme von Sprachen, was wiederum eine manieristische Tradition ist. Ebenso hat der späte Picasso Velazquez wiedergewonnen oder Dali Raffael. Hätten diese Maler sich früh mit ihrer Meisterschaft abgefunden, hätten sie nicht diese Entwicklungen einleiten können. Ich arbeite mit der Unvollkommenheit, weil sie mir Bewegung verleiht, eben nicht, um ein Ergebnis zu erzielen, mit dem ich dann in den Ruhestand treten kann. Kultur ist für mich ein biolo­gisches Verlangen, so wichtig wie das Atmen. Es ist nicht nur an die Intuition gebunden, sondern auch an Spielersinn, Sinn für Ironie, Formung und Umformung, Bewegung. (Im Kunst-Kultur-Forum Max Ernst) Ich habe keine monumentale Idee meiner selbst, die ich der Zukunft vermachen möchte. Deshalb kann ich auch nicht vorhersehen, welches der beste Moment ist, um zu sterben. Mich interessiert wenig, was nach mir passieren wird.  
     
     
 
 
 
 
     
     
     
     
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