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  thema: Forum Berlin - Kurator der Biennale  
     
  Berlin, 15.05.2007 von Gerhard Ullmann  
     
 

Kritik bedeutet für Sie, mit zwei Schriftarten zu jonglieren. In welchem Verhältnis stehen diese beiden Schriften zueinander?

 
 

 
  Ich glaube, daß zwei Ebenen der Schrift die Tätigkeit des Kritikers bestimmen: eine essayistische Schrift und eine ausstellende Schrift. In der ausstellenden Schrift realisiert der Kritiker mit Hilfe von Kunstwerken einen Gedanken in einem dreidimensionalen physischen Raum. In dem, was sich essayistische Schrift nenne, be­gegnet der Kritiker statt dessen sich selbst und den Phantomen der Kultur, die er auf den Schultern trägt. Er stellt sich so in ein einsames Verhältnis zur Ideengeschichte. Seine Gedanken materialisiert er auf der weißen Seite, die vor ihm liegt und die später vom Verleger reproduziert wird. Das ist an einige Leser gerichtet, die dann einen individuellen Kontakt mit dem theoretischen Körper des Kritikers haben.  
     
 

Wie ist das Verhältnis der beiden Schriftarten zueinander?

 
     
  Es ist klar, daß zunächst die theoretische Arbeit stattfindet. Mit ihr nähere ich mich der Ebene der Ausstellung, die eine andere Sprache produziert. Die Ausstellung ist keine mechanische Übersetzung der Theorie, sie ist keine Ge­brauchsanleitung, sondern eine Grenzüberschreitung, eine Art Duell, bei dem der Kritiker etwas hervorbringt, das ich kollektives Ready-made nenne. Eine Ausstellung ist ein kollektives Ready-made, besonders dann, wenn man sie in nicht-musealen Räumen organisiert. In beinahe 120 Ausstellungen bin ich bisher diesem Phänomen des kollektiven Ready-mades nachgegangen. Die Aufstellung des Kunstwerkes in Verbindung mit der Architektur ver­gangener Epochen bewirkt einen Kurzschluß der zwischen verschiedenen Sprachen stattfindet: aktuellen Formen und Formen, die schon zur Kunstgeschichte gehören. Hinzu kommt das Verständnis und das Unverständnis des Publikums, das die Spannung zwischen verschiedenen Sprachen erlebt. Die Gegenwart des Körpers der Kunst nimmt bei diesem Kurzschluß verschiedener Elemente eine Form an und bringt dabei viele Antworten hervor, viele Ergebnisse: emotionale, sinnliche, gedankliche auch soziale und politische. Thema: Mark Dion
 
     
 

Wenn Sie das Wort Ready-made benutzen, spielen Sie auf Marcel Duchamp an, der Gebrauchsgegenstände zweckentfremdet und zu Kunstwerken erklärt hat. Sind Sie nicht auch ein Duchamp, vielleicht ein Duchamp der Kunstkritik?

 
     
  Nein, ich bin der Achille Bonito Oliva der Kunstkritik, in dem Sinne, daß Duchamp der Arcimboldo der historischen Avantgarden ist, Arcimboldo deshalb, weil er Transformierungen realisiert hat. Wer hat denn tatsächlich das erste Ready-made gemacht? Das war die katholische Kirche, und zwar in der heiligen Messe, beim Emporheben der Hostie und des Kelches. Da verwandelt sie die Hostie in den Körper Christi und den Wein in sein Blut. Das sind Ready-mades, die mit Hilfe des Glaubens in symbolischer Weise vollzogen werden. So wie die Verwandlung von Symbolen in den Gemälden von Archimboldo, wie auch Duchamps Verwandlung eines Urinoirs in ein formalisiertes Objekt des Kunstsystems mit dem Titel Brunnen.  
     
 

Was heißt das, Achille Bonito Oliva der Kritik? Achille

 
     
  Bonito Oliva ist ein Intellektueller, der das Schlag­wort geprägt hat: Als Kritiker wird man geboren, Künstler wird man, als Öffentlichkeit stirbt man. Davon ausgehend habe ich meine Bestimmung entfaltet. Denn ich wollte aus dem Fehler eines meiner Vorfahren lernen. Unter den Vorfahren meiner Mutter ist ein Papst, Celstino V, Pietro Morone. Es ist der einzige Papst, der vom Papstthron zurückgetreten ist, einem Thron auf Lebenszeit und Zei­chen absoluter Monarchie. Diese große Abdankung hat auch Dante erwähnt. Es liegt nun an mir, diesen Fehler zu korrigieren und eben nicht zurückzutreten und eben nicht mein Schicksal zurückzuweisen. Mein Schicksal ist nicht das irgendeines Kritikers, sondern des Kritikers, der das Recht der Kritik erkämpft hat. Ich habe erfolgreich gegen die alte Auffassung angekämpft, daß der Kunstkritiker auf der Bühne der Kunstwelt nur Statist ist. (mehr unter Forum für Kunst und Kultur Terry Winters) Ich glaube, daß in einer modernen Gesellschaft eine künstlerische Identität im engeren Sinne nicht mehr besteht, sondern statt dessen eine kulturelle Identität des Kunstwerks. Diese Aussage steckt in dem Buch, das ich 1973 "System der Kunst" betitelt habe. Das System der Kunst ist eine Kette der Arbeitssolidarität, die sich mitHilfe verschiedener Glieder entwickelt: des Künstlers, der die visuelle Sprache ent­wickelt, des Kritikers, der diese Sprache analysiert, des Galeristen, der das Werk ausstellt, des Sammlers, der es kauft, des Museums, das dem Werk den historischen Rah­men gibt, des Publikums, das es betrachtet, und der Massenmedien, die es feiern. Das Werk ist das Ergebnis eines Mehrwerts, der aufgrund der Solidarität dieser Subjekte geboren wird, die zusammen die kulturelle Identität des Kunstwerks produzieren. Diese Glieder haben Wechsel­beziehungen untereinander. Es existiert keine Hierarchie. In diesem Sinne habe ich begonnen, den Protagonismus des Kritikers theoretisch auszuarbeiten, der eben nicht mehr Statist ist, sondern heilsamer Überbringer von Theo­rie, Schrift und von Erfindungen. Das kann die Erfindung eines Wortes sein, die Definition einer Bewegung oder auch eine Neulektüre und Rückbesinnung auf eine histo­rische Bewegung, wie zum Beispiel die des Manierismus. Diese Neulektüre habe ich in meiner "Ideologie des Verräters" vollzogen. Das hat mir die Autorität verliehen und die Autorisierung, um über zeitgenössische Kunst zu sprechen, deren Wurzeln im Manierismus liegen. Links: Jim Shaw
 
     
 

Sie haben sich einmal Imperator genannt. Damit haben Sie eine Hierarchie angedeutet, und das ist etwas anderes als die Solidarität, von der Sie gerade gesprochen haben?

 
     
  Manchmal benutzt man Worte wie Imperator oder Verräter um etwas symbolisch zu benennen, um auf einen kulturel­len Moment anzuspielen. Wenn ich von einer kulturellen Herrschaft spreche, bedeutet das nicht, daß ich die Willkür des Herrschers benutze, sondern die Macht, etwas anzuerkennen. Sagen wir es so: Meine Entwicklung verleiht mir das Recht und die Pflicht zu leiten. Das ist eine Konsequenz meiner Theorien. Wenn man das Wort Verräter benutzt, liest man dabei metaphorisch die Geburt und Position des Intellektuellen im sechzehnten Jahrhundert, eben in der Krise des Manierismus, mit. Damit möchte ich auf die Position der Lateralität, der Abseitigkeit, des Am-Rand-Stehens, verweisen und sie entwickeln. Das bedeu­tet sich zur Mentalreservation und zur Reflexion zu beken­nen. Lateral nenne ich die Position dessen, der die Kunst als metasprachliche Produktion ansieht, die nicht pathe­tisch die Welt verändern kann oder überhaupt mit der Welt eine Gemeinsamkeit hat. Das ist natürlich eine antiheroische Rolle. Die beiden Pole Imperator und Verräter be­zeichnen die Krise der Sprache und den Versuch, mit ihr umzugehen. Beide verweisen auf einem beweglichen Umgang mit der Krise, das Heraustreten aus jedem Paradigma, jedem Dogma, aus jedem monumentalen Bild und jeder vorgegebenen Ordnung.  
     
 

Man sagt, daß Sie die Transavantgarde erschaffen haben. Heißt das, daß diese Künstler ohne Achille Bonito Oliva nicht existieren würden?

 
     
  Nein, ich habe nur den Begriff erfunden. Dieser Begriff war notwendig, um die Arbeit von Cucchi, demente, Chia, De Maria und Paladino durchzusetzen, um also das Auge der schnellebigen Massengesellschaft auf sie zu richten. Es ist nichts anderes als das, was Marinetti mit den Futuristen gemacht hat. Ohne die Bilder der Künstler hätte Marinetti nichts verändern können. weiter... Gerhard Richter
 
     
 

 
     
     
     
 

 
     
     
     
 

 
     
     
     
 
 
 
 
 
 
     
     
     
     
     
  "Kurator der Biennale"  
  Aktueller Kunst und Kultur-Event, Text Portrait von Ralph Ueltzhoeffer mehr im
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